Spezielle Versorgung von Anopthalmen, Mikrophthalmen und geschädigten Augen

Einleitung:

Obwohl die Augenheilkunde in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat, gibt es doch immer wieder Diagnosen, die keine andere Wahl lassen, als ein Auge teilweise oder ganz zu entfernen.

So sind hauptsächlich primäre bösartige Tumoren des Auges, (z.B. Aderhautmelanome), die aufgrund ihrer Größe, Wachstumscharakteristika oder des Ausbreitungsgebietes nicht den augenerhaltenden Therapien zugänglich sind, ein Grund zur Entfernung des Augapfels.

Auch bei Menschen mit schmerzhaften Endstadien bei bestimmten Formen des grünen Stars, der bereits zur Erblindung geführt hat, ist oft aufgrund der unerträglichen Schmerzen eine solche Operation die einzige Alternative.

Eine weitere Gruppe leidet nach schweren Traumen, die zur Eröffnung des Augapfels oder zum Eindringen eines Fremdkörpers geführt haben, unter einer schmerzhaften Augenschrumpfung. Da es sich meist um erblindete Augen handelt und die Gefahr besteht, dass der Körper eine Abwehrreaktion gegen das kranke Auge startet, die auch das gesunde Auge befällt (Sympathische Ophthalmie), ist die Entfernung des Auges angeraten um folgenschwere Komplikationen zu verhindern.

Bei Kindern und Säuglingen gibt es neben den oben aufgeführten Gründen auch kindliche Formen des Glaukoms, die in manchen Fällen Anlass zur Augapfelentfernung sind.
Außerdem unterscheidet man unter den schon in der Schwangerschaft angelegten Fehlbildungen der Augen grundsätzlich 3 Gruppen von Befunden. Zum ersten sind das Säuglinge, die in den frühen Monaten der Schwangerschaft keine Augäpfel ausgebildet haben und mit Anophthalmen geboren werden. Der zweiten Gruppe werden die extrem kleinen Augäpfel zugeordnet, und unter der dritten Gruppe versteht man die kleinen Augäpfel, Mikrophthalmen genannt.

Augen, die durch äußere Einflüsse stark beschädigt wurden, erleiden häufig eine große Funktionseinschränkung bis hin zur Erblindung. Hierzu zählen z.B. starke Verätzungen der Augenoberfläche mit anschließender Nekrotisierung, Eintrübungen oder Wucherungen der Hornhaut.

Auch kommt es zu Stich- und Stoßverletzungen, die neben der Funktionseinbuße des Auges eine Schrumpfung des Augapfels nach sich ziehen und eine kosmetische Versorgung erfordern.

Jede dieser Gruppen erfordert eine differenzierte Vorgehensweise bei der späteren kosmetischen Versorgung.
 

 

Verätzte Augenoberfläche
Verätzte Augenoberfläche

Entfernung des Auges – teilweise oder vollständig –
verschiedene Vorgehensweisen

Unter Enukleation versteht man die Entfernung des gesamten Augapfels.
Zuerst werden die Bindehaut und die darunter liegende Tenon-Schicht vom Augapfel gelöst. Anschließend werden die Augenmuskeln vom Augapfel abgetrennt. Danach erfolgt die Entfernung des erkrankten Augapfels. Die verbleibenden Augenmuskeln werden als Umhüllung des einzusetzenden Implantats verwendet oder direkt an ihm befestigt

Bei der Eviszeration wird nicht der gesamte Augapfel entfernt, sondern nur die Hornhaut sowie das Augeninnere. Der nun „leere“ Augapfel bleibt erhalten, und ein Implantat wird in ihn eingesetzt. Der größte Vorteil der Eviszeration gegenüber der Enukleation ist eine größere Beweglichkeit des späteren Kunstauges. Jedoch ist eine Eviszeration nicht immer möglich.

Der massivste Eingriff bei raumgreifenden und metastatischen Tumoren ist die Exenteration. Hier wird nicht nur der gesamte Inhalt der Augenhöhle samt Muskeln und optischem Nerv entfernt, sondern auch häufig Teile der orbitalen Knochen und der Lider.


Degeneriertes Auge

Tabelle 1:
Aus einer an den Mayo-Kliniken (USA) über knapp zehn Jahre durchgeführten Studie ergibt sich folgende Verteilung der Gründe für Entfernung des Augapfels nach Alter und Ursache.

Gründe für Entfernung des Augapfels
 

Das Implantat ersetzt das fehlende Volumen.

Um das fehlende Volumen des Augapfels wieder herzustellen, wird ein Orbita-Implantat eingesetzt. Dieses hat eine Kugelform und je nach Bedarf eine Größe von ca. 16 – 20 mm. Es besteht aus einem vom Körper verträglichen Material wie. z.B. PMMA, Silikon oder porösem Polyethylen, Aluminium Oxid (Keramik), oder Hydroxyapatit.

Hydroxyapatit ist ein Material, das seit Mitte der 1980 Jahre eingesetzt wird, und entspricht in seiner Zusammensetzung bestimmten menschlichen Knochenbestandteilen. Es kommt in der Natur als Korallenkalk vor und ist ein komplexes Kalziumphosphorsalz.


Hydroxyapatit

menschlicher Knochen
menschlicher Knochen

Das umhüllende Gewebe geht mit dem Implantat aus Hydroxyapatit eine Verbindung ein und ist nach ca. 6 Monaten „eingewachsen“.

Das Implantat wird z.B. bei der Enukleation in die Umhüllung aus erhaltener Tenon-Schicht und Bindehaut eingesetzt und anschließend wird die Öffnung durch eine Naht geschlossen. So bleibt das Implantat später unsichtbar. Die Implantate lassen sich unterscheiden in freie (ohne Muskelbeziehung) und muskelfixierte Implantate. Im letzteren Fall werden die äußeren Augenmuskeln am Implantat angenäht. Durch die Verbindung des Implantates mit den Augenmuskeln erreicht man eine Mitbewegung des später eingesetzten Kunstauges mit dem gesunden Auge.

Ist eine Enukleation bei einem Kind notwendig, so ist die Wahl der Implantatgröße entscheidend für das spätere Wachstum der Augenhöhle. Ohne das entsprechende Volumen des Implantates würde die knöcherne Augenhöhle keine Impulse erhalten um weiter zu wachsen, wogegen die andere, gesunde Augenpartie kontinuierlich weiter wüchse.
 


Kunstaugen und Skleralschalen mit kosmetischer Wirkung

Die oben beschriebenen Fälle machen eine anschließende kosmetische Versorgung mit einem Kunstauge oder einer Skleralschale notwendig.


Kunstaugen aus PMMA

Kunstaugen aus PMMA



Skleralschalen mit kosmetischer Wirkung

Historie der Augenprothesen

Die ersten Augenprothesen wurden von römischen und ägyptischen Priestern ca. im 5. Jahrhundert vor Christus angefertigt. Sie bestanden aus angemaltem Ton und wurden an Stoff befestigt außerhalb der Augenhöhle getragen.
Etwa 20 Jahrhunderte später fügte man die ersten künstlichen Augen aus Gold oder gefärbtem Email in die Augenhöhle ein. Im späten 16. Jahrhundert wurden in Venedig die ersten Glasaugen angefertigt. Diese ersten Glasaugen waren leicht zerbrechlich, rau und wenig komfortabel zu tragen. Trotzdem wandten die Venezianer diese Art der Herstellung bis Ende des 18. Jahrhunderts an.
Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten deutsche Glasbläser verbesserte Fertigungstechniken, und so verlagerte sich das Zentrum der Glasaugenanfertigung nach Deutschland.

Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts brachte die Entwicklung von medizinischem Kunststoff in Amerika die große Wende von Glasaugen hin zu Kunstaugen aus Kunststoff (PMMA). Die zahlreichen Vorteile von Kunstaugen aus medizinischem Kunststoff lagen auf der Hand.

Es gab keine Angst mehr vor dem Zerbrechen, er wurde während des Tragens nicht rau und unansehnlich, und durch Wiederaufpolieren konnten oberflächliche Kratzer beseitigt werden.

Durch Abdrucktechnik der Augenhöhle war es möglich auch unregelmäßige und komplizierte Formen zu realisieren.
Heute trägt die große Mehrheit von Kunstaugen-Patienten in den USA Kunsttaugen aus medizinischem Kunststoff. In Deutschland werden nach wie vor Glasprothesen von Glasbläsern angefertigt. Die Zahl der Kunstaugenpatienten, die Kunstaugen aus medizinischem Kunststoff tragen, nimmt kontinuierlich zu.